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Neun Spiele des Jahres

Dass Eishockeyschauen so anstregend sein kann, war mir nicht bewusst. Doch zwei WM-Wochen sind auch auf der Tribüne ein hartes Stück Arbeit. Insgesamt habe ich 18 Spiele bei der diesjährigen Eishockey-WM in Deutschland gesehen. Das macht ungefähr ein Drittel “meiner” gesamten Saison aus, in der ich die Spiele immerhin über mehrere Monate verteilen konnte. Doch zur Heim-WM ist eben nicht nur die Nationalmannschaft gefordert! Die hatte zwar nicht ganz so viele Spiele, aber mit neun Partien musste das Team die maximale Anzahl an Spielen innerhalb des Turniers absolvieren. Denn die Nationalspieler spielten das erste und das vorletzte Match dieser WM. Dieser traumhaften WM.

Alles begann am 7. Mai mit dem Rekord. Weltrekord auf Schalke. 78.803 Fans kamen zum Eröffnungsspiel in die Schalker Fußballarena, um DAS Eishockeyspiel des Jahres zu sehen. Zumindest war es bis zu diesem Zeitpunkt DAS Spiel des Jahres. Deutschland ging nicht nur in Führung, sondern gewann auch noch völlig überraschend in der Overtime. Angesteckt von der Euphorie rund um dieses Ereignis steigerte sich die Mannschaft von Bundestrainer Uwe Krupp von Spiel zu Spiel. Steckte Rückstände und Niederlagen weg. Sicherte sich den Klassenerhalt und spielte in der Zwischenrunde DAS Spiel des Jahres – gegen Russland!

Russland war bis dato ungeschlagen im Turnier und sollte es auch nach dem Spiel gegen die Gastgeber bleiben. Doch Deutschland brachte die rote Maschine ins Stottern. Ein sensationelles 3:2 luchste man dem Rekordweltmeister ab. Trotz dieser Niederlage musste man die deutsche Mannschaft in den höchsten Tönen loben. Waren doch alle russischen Reihen gespickt mit Superstars: von Ilja Kovalchuck über Pavel Datsyuk und Maxim Afinogenov bis hin zu Alexander Ovechkin. Ein wahrer Zuckerschlecken war das Line Up der Russen, die wohl gegen die Slowakei IHR Spiel des Jahres spielten.

Zumindest ist es genau dieses siebte Spiel der WM, das mir mit am meisten in Erinnerung geblieben ist. Allein die Stimmung in der ausverkauften Kölnarena war jeden Cent des Eintrittspreises wert. Eine einzige Partystimmung rund um eine ovale Eisfläche auf der Spitzen-Eishockey gezeigt wurde.

Überhaupt ist es diese ausgelassene Stimmung, die in Erinnerung bleibt. Es ist eine freudige Erinnerung: tausende Eishockey-Fans, die friedlich sich selbst und unseren Lieblingssport feierten – in ausgefallenen Kostümen und den Nationalfarben im Gesicht. Wer es nicht erlebt hat, hat was verpasst!

Verpasst habe ich leider das Viertelfinalspiel gegen die Schweiz. Und wieder war es DAS Spiel des Jahres. Gegen die Eidgenossen hatte man in der Vergangenheit sämtliche Testspiele verloren, und doch gelang den deutschen Kufenstars die Überraschung: der erste Halbfinaleinzug seit 1957 – und wieder stellte sich Russland in den Weg.

Wie in der Zwischenrunde kämpften die Deutschen bis zum Umfallen, denn es war DAS Spiel des Jahres! Deutschland ging dabei sogar in Führung, am Ende gehörte man aber wieder zu den Geschlagenen. Pavel Datsyuk nutzte einen kapitalen Schnitzer im Spielaufbau der Deutschen eiskalt zum Siegtreffer aus. Die Jungs um Kapitän Marcel Goc spielten diesmal wirklich DAS Spiel des Jahres. Vielleicht sogar DAS Spiel ihres Lebens. Sie brachten Russland in höchste Nöte, an den Rand einer Niederlage. Dieses Spiel bleibt in Erinnerung – so wie vielleicht die olympische Bronzemedaille von 1976.

Seitdem war Bronze nicht mehr in Reichweite. Das kleine Finale verlor die Nationalmannschaft am letzten WM-Tag leider. Schweden war frischer und letztlich wohl auch mit mehr Glück ins Spiel gegangen. So bleiben Deutschland nach zwei fantastischen WM-Wochen viele Erinnerungen. Erinnererungen an das Eröffnungsspiel vor einer Rekordkulisse. An eine fröhliche und ausgelassene Stimmung. An Urmel. An packende Duelle auf dem Eis gegen scheinbar übermächtige Gegner. An unser eigenes, wahr gewordenes Eishockey-Märchen für das sich jede Anstrengung gelohnt hat.

Wir haben DIE Spiele des Jahres gesehen! Beim Turnier unseres Lebens!

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  1. avatar

    Ein tolles Resumé dieser tollen WM. Es bleibt nur schade, dass es die meisten unsere Landsleute nicht mitbekommen haben oder es einfach ignoriert haben.

    Ich für meinen Teil werde mich noch in Jahrzehnten an das Eröffnungsspiel erinnern, allein schon, weil ich die Eintrittskarten samt Erinnerungsfotos gerahmt an die Wand genagelt hab ;)

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